Jürgen Lindinger2018-01-21T21:07:18+00:00

Project Description

Jürgen Lindinger

Im Sommer 1981 hab ich mit Kampfsport begonnen. Wie bei vielen anderen war der erste Kontakt ein alteingesessener Sportverein mit Karateabteilung. Diese Sportart war in dieser Zeit in Regensburg schon recht verbreitet. Nach ein paar Jahren Training als jüngster Schüler in dem Verein machte ich mich auf die Suche nach etwas Neuem.

Durch Zufall hörte ich von einer Kung Fu Schule im Stadtosten von Regensburg. Im Frühjahr 1986, sobald das Wetter es zugelassen hatte, machte ich mich mit meinen Mofa auf den Weg quer durch die Stadt um im Kampfsportzentrum in der Nähe des Schlachthofs das erste Probetraining zu bestreiten. An diesem Tag lernte ich Nam Wah Pai Kung Fu und unseren Shifu Andy Jobst kennen. Schon von Anfang an bekam ich von ihm den Spitznamen „Linding“ da sich der Name gleich viel chinesischer anhört wie er sagte. Schnell wusste ich den damals noch recht harten Unterricht zu schätzen. Ich versuchte so oft wie möglich jeden Montag, Mittwoch und Freitag ins Training zu kommen. Durch den Wunsch zu lernen und strenge Disziplin im Unterricht zeigten sich schnell die ersten Fortschritte und die „Sucht“ nach Nam Wah Pai Kung Fu wurde mehr und mehr. Schon im Dezember 1986 durfte ich an meiner ersten Vorführung teilnehmen. An diesem Sonntag waren auch meine Eltern unter den Zuschauern. Als ich nach Hause kam hat mich meine Mutter gebeten damit aufzuhören nachdem sie gesehen hat was wir da so treiben. Mittlerweile, mehr als 25 Jahre später, können Eltern gemeinsam mit ihren Kindern trainieren.

In den ersten paar Jahren hatten wir noch eine bei uns doch recht unbekannte Art der Gürtelgrade. Der erste Schüler-Grad war unsere traditionelle weiße Jacke, eine schwarze Hose und ein schwarzer Gürtel. Das führte im Kampfsportzentrum oft zu Verwirrungen da andere Schulen Neulinge nicht vom ersten Meister-Grad unterscheiden konnten die – wie auch heute noch – einen komplett weißen Anzug getragen haben. Nach einigen Jahren wurden die Gürtelgrade dann der in Deutschland bekannten Variante angepasst.
In dieser Zeit habe ich so einige Leute kommen und gehen sehen. Viele haben gerade Mal ein oder zwei Monate durchgehalten. Ein paar wenige sind noch immer dabei. Zwei meiner früheren „Schul-Kollegen“ wollten auch mal sehen was ich so mache und haben mich Ende der 80er Jahre ins Training begleitet. Beide wurden gleich infiziert und sind unsere Kung Fu Brüder geworden. Der eine davon, Matthias Saroia, gründete später die Schule in Karlsruhe.

Im Jahre 1990 habe ich zusammen mit einigen anderen Schülern unseren Shifu Andy geholfen die „Alte Mühle“ in Bruckdorf zu unserm Wu Guan (武館) umzubauen. Seit dieser Zeit ist dort der Hauptsitz unserer Kung Fu Familie. Von nun an konnte ich 5 Tage pro Woche trainieren – 3 Tage im Kampfsportzentrum Regensburg und 2 Tage in Bruckdorf! 1991, also ein Jahr später, besuchte uns wieder mal Da Shifu Yap in Deutschland. Das war ohnehin immer ein Highlight mit ihm zu trainieren und von ihm zu lernen. Bei der Gelegenheit jedoch hatte ich die Ehre die Prüfung zum höchsten Senior-Schülergrad „Rot III“ (教练 – jiàoliàn) erfolgreich abzulegen. Er begleitete auch unsere kleine Delegation auf dem Weg nach Karlsruhe um dort bei einem Uni-Sportfest unsere dritte Schule in Deutschland bekannt zu machen – mit großen Erfolg.

1994 war ich bereit für die bevorstehende Prüfung zum Schwarzgurt. Ich hatte viele Jahre geduldig trainiert, alle benötigten Formen immer wieder geübt, konnte Kokosnüsse zerschlagen oder Essstäbchen an mir zerbrechen lassen, habe spezielle Waffen wie das Pah Tou („Tiger fork“ oder „Dai Pah“) gelernt und unzählige Male den Unterricht in Regensburg und Bruckdorf gehalten. Ich hatte nun endlich „den Fuß des Berges“ erreicht und war bereit „den Berg zu besteigen“. Nach einem Freikampf im Training stellte mich dann mein Orthopäde vor die Wahl entweder sofort aufzuhören oder ein künstliches Gelenk zu bekommen. Da andere Behandlungen keine Besserung brachten hab ich mich dann für mehrere Jahre vom aktiven Training zurückgezogen – leider viel zu lange.

Im Geiste blieb ich weiterhin mit Nam Wah Pai verbunden. Selbst die Eintrittskarte der Vorführung von 1986 hab ich noch immer aufgehoben. Durch berufliche Veränderungen habe ich seit der Jahrtausendwende das Glück immer wieder mal nach Singapore und Malaysia zu reisen, also in die Heimat unserer Kampfkunst. Ein netter Kollege half mir den Kontakt Anfang 2011 nun endlich wieder herzustellen. Shifu Andy hat mir die Möglichkeit gegeben wieder in die Nam Wah Pai Kung Fu Familie zurück zu kommen. Ich wurde wieder herzlich aufgenommen als wäre ich nie weg gewesen. Ich arbeite daran die bekannten Formen neu zu lernen und mein Wissen über den Umgang mit Pah Tou und Kwan Dao zu vertiefen.

Jetzt sehe ich Nam Wah Pai als Kampfkunst und nicht mehr als Kampfsport. Ein Mensch verändert sich und wird reifer. Bei einer Kampfkunst trainiert man nicht nur seinen Körper sondern auch seinen Charakter. Kommt man an seine körperlichen Grenzen muss man seinen Geist weiter trainieren selbst wenn man den „Gipfel des Berges“ nie erreichen wird.
Mittlerweile hat mir Shifu Andy Jobst den Titel „大师兄 (dàshīxiōng)“ verliehen den ich selbst als große Auszeichnung und Ehre sehe. Es bedeutet so viel wie „ältester grosser Bruder“. Dies bezieht sich jedoch nicht auf mein Alter sondern wie in der Hierarchie einer Kung Fu Schule üblich auf den Zeitpunkt des Eintritts in die Kung Fu Familie – also 1986.

Kein anderer den ich kenne verkörpert Kung Fu so wie Shifu Andy Jobst. Er lebt für Nam Wah Pai und setzt alles daran sein Wissen an uns Schüler weiter zu geben. Ich bin stolz darauf ein Teil der Nam Wah Pai Kung Fu Familie zu sein.

Linding